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Ich fühle, also denke ich

Visuelle Botschaften erzeugen Emotionen.

Lange Zeit galten in der Psychologie Gefühle allenfalls als Anhängsel der Gedanken, als Beiwerk eines eher rationalen Systems. Das hat sich vor allem dank der Erkenntnisse der modernen Hirnforschung geändert: Heute weiß man, dass Menschen anscheinend rationale Entscheidungen aufgrund von Emotionen fällen, dass Gefühle unsere Gedanken dominieren, dass unsere Psyche täglich einem Wechselbad von Gefühlen ausgesetzt ist.

Emotionen sind komplexe, körperlich basierte Bewertungen von Reizen, Erlebnissen, Erfahrungen. Und sie sind Botschaften (visuelle Botschaften) an andere Menschen. Mit Emotionen kommuniziert man Wahrnehmungen, Wünsche und Absichten. Die beiden grundlegenden Wünsche im Bezug zwischen Subjekt und Objekt sind Annäherung, die dem Ziel der Befriedigung eines Bedürfnisses dient, und Vermeidung, die dem eigenen Schutz dient. Etwas ist angenehm, dann wendet man sich dem zu, etwas ist unangenehm, dann wendet man sich davon ab. Das ist eine Bewertung, die noch vor den eigentlichen Emotionen erfolgt, bevor einen Menschen etwas traurig, ängstlich, wütend oder neugierig macht.

Plötzliche Komplexität

Der erste Schritt bei einem emotionalen Prozess heißt in der Emotionsforschung die Orientierungsreaktion. Am Anfang jedes emotionalen Prozesses steht ein Auslöser, ein Reiz, meist in der Außenwelt.

Aber auch innere psychische und körperliche Ereignisse können emotionale Prozesse in Gang setzen wie Träume oder Erkrankungen. Ein Reiz wird zunächst hinsichtlich seiner Relevanz bewertet. Dabei ist die erste Frage: Ist etwas neu? Erfordert es Aufmerksamkeit? Denn das allermeiste, was man sonst um sich herum wahrnimmt, blendet man ohnehin aus. 

Wird ein Ereignis für wichtig oder interessant erachtet, steigt die Aufmerksamkeit. Der Organismus erzeugt Wachsamkeit. Stellt sich keine Aufmerksamkeit ein, kann einen Menschen nichts berühren. 

Fühlen in Einzelschritten

Als nächstes melden die tiefer liegenden, limbischen Teile des Gehirns eine erste grundlegende Bewertung: Ist etwas angenehm oder unangenehm, ist es gut oder schlecht. Diese grundlegende Bewertung, die über Annäherung oder Vermeidung entscheidet, erfolgt innerhalb von 200 Millisekunden.

Ohnehin befindet man sich, abhängig von der jeweiligen Stimmung, immer in irgendeinem Zustand des Wohlbefindens. Irgendwo auf einer Achse von Lust bis hin zu Unlust. In der Emotionsforschung heißt dies Valenz. 

Ein Ereignis, das berührt, verändert die Valenz und die Erregung. Es macht Lust auf etwas oder Unlust, und es macht erregt oder weniger erregt. 

Bedeutung entsteht

Dies sind die Reaktionen, die man normalerweise als Emotionen bezeichnet: Angst, Ärger, Neugier oder Trauer verleihen einem Geschehen Bedeutung. Diese Emotionen sind Programme komplexer Reaktionen auf Ereignisse. Trauer ist meist eine Reaktion auf Trennung oder Verlust, Angst auf Bedrohung und Gefahr. Ärger stellt sich ein, wenn einem Menschen durch andere seelische oder körperliche Schmerzen zugefügt, seine Möglichkeiten beschnitten oder seine Erwartungen enttäuscht werden. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Bindung, sozialer Akzeptanz und Lust erzeugen Freude. Die Erfahrung, dass etwas schädlich oder äußerst unangenehm ist, zieht Ekel nach sich und schafft dadurch Abstand. Die Erfahrung, etwas für den Organismus Nützliches anzutreffen, löst Neugier aus.

Diese emotionalen Programme wurden im Zuge der Evolution in die menschliche Natur eingebaut. Bei Einzellern sieht man als Reaktion nur Starre oder Bewegung. Amöben ziehen sich zurück, wenn sie bedroht sind. Eine Schlange zeigt Flucht oder Angriff, sie kann sich starr hinlegen oder plötzlich nach vorne schießen. So ist ihr Verhaltensrepertoire. Aber sie kommuniziert nicht mit ihren Artgenossen über emotionale Signale. 

 

Schlangen haben keine Mimik

Anders Säugetiere. Das hängt mit der Struktur des Nervensystems zusammen. Säugetiere verfügen über einen bestimmten Ast des parasympathischen Nervensystems, den so genannten ventralen Zweig des Nervus Vagus. Ventral bedeutet, dass er auf die Vorderseite des Körpers gerichtet ist. Dieser ventrale Vagus gehört zum Autonomen Nervensystem, das für die grundlegenden emotionalen Reaktionen sorgt. 

Das Autonome Nervensystem hat zwei Äste: den Sympathikus, der für Aktivierung, Erregung zuständig ist und alle Arten von Kampf- und Flucht-Reaktionen physiologisch bereitstellt, und den Parasympathikus, der für Entspannung sorgt, aber auch für plötzliches Herunterfahren der Energie, zum Beispiel im Totstellreflex beim Schock. 

Die Großhirnrinde hat allerdings weniger Zugriff auf die limbischen Strukturen als umgekehrt. Von der Amygdala zum Beispiel gehen viele Nervenfasern in Richtung Großhirnrinde, sie versorgt das Denken sozusagen mit emotionaler Information. In umgekehrter Richtung sind es weniger Fasern. Furcht lässt sich leicht konditionieren, nämlich im Mandelkern. Darum reagiert man mitunter mit einer alten Angst, die man früher einmal gelernt hat, so sehr man sich auch sagt, dass sie nicht nötig ist. 

Emotionen haben es leichter, die Gedanken zu bewegen, als umgekehrt

Emotionen sind dem Mensch ins Gesicht geschrieben. An der Mimik lassen sich auch unechte von echten Gefühlsausdrücken unterscheiden. Ein falsches Lächeln zeigt sich oft darin, dass jemand zwar mit dem Mund lächelt, aber nicht mit den Augen. Ein betrügerisches Lächeln darin, dass jemand zwar die zum Lächeln gehörenden richtigen Muskeln bewegt, aber in einem falschen Rhythmus, beispielsweise dass die Lippen und die Augenmuskeln leicht nacheinander bewegt werden und nicht gleichzeitig. So etwas erkennt man bei anderen Menschen meist intuitiv. 

Das liegt daran, dass wir über die so genannten Spiegelneuronen den Ausdruck des anderen in uns selbst nachempfinden und dadurch die Intentionen des anderen erschließen können. Und zwar nicht nur seinen mimischen, sondern auch seinen körperlichen Bewegungsausdruck, den kinästhetischen Ausdruck. Denn auch in der Körpersprache teilen sich Emotionen mit. Auch die so genannten selbstreflexiven Gefühle wie Scham oder Stolz zeigen sich im Körper. Der Beschämte dreht sich nach innen und zieht den Kopf ein, der Stolze reckt seine Brust. Bei Experimenten zeigte sich sogar, dass sich keine andere Emotion so gut an der Körpersprache erkennen lässt wie gerade die Scham.

 

Emotionen teilen sich zunächst als körperliche Empfindungen mit

Signale der Emotionen sind jene, die aus den Muskeln, Gefäßen und Organen an das Gehirn gehen, wie Schmerzen, Körpertemperatur, Hitze, Kitzeln, Schauern, Empfindungen im Magen, dem Darm oder den Genitalien, Signale aus den Blutgefäßen oder auch der Blutzuckerspiegel. Die Stirn wird kalt, die Gefäße unter der Haut ziehen sich zusammen, ein Schauer läuft über den Rücken, der Magen krampft.

Das Erste, was nötig ist, um emotional etwas wahrzunehmen, ist eine Aufmerksamkeit für die Reize. Eine therapeutische Aufgabe in der Arbeit mit Emotionen ist daher, diese Aufmerksamkeit zu fördern, achtsam zu  werden gegenüber sich selbst und der Umwelt. Das zweite ist, dass man etwas als angenehm oder unangenehm erlebt, dass es die innere Erregung steigert oder senkt. Das muss man in sich zulassen können, sich davon nicht abschneiden, auch wenn man einmal gezwungen war, es zu tun. Und es regulieren können, wenn es zu viel ist. Zum dritten braucht man eine Wahrnehmung der konkreten Emotionen, der Angst, Trauer, Wut, Überraschung, Freude, um einzuschätzen, was das Ereignis tatsächlich und persönlich bedeutet. 

Emotionale Prozesse gehen weiter, Emotionen verändern sich, gehen über in etwas Neues. Sie verändern unsere Stimmung, unsere Gedanken, unsere Sicht auf die Welt. Fühlen ist also nichts Starres. Man kann Emotionen anderen Menschen mitteilen, über sie nachdenken, und schließlich: etwas damit anfangen. 

Quelle: Ulfried Geuter | Ulrike Barwanietz