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Macht der drastischen Bilder

Bilder wecken Emotionen und bestimmen die Erinnerung. Der Manipulation sind keine Grenzen gesetzt.

Quelle: Wissenschaft.de

Sportliche Erfolge heben das Selbstbewusstsein – selbst wenn man keinen einzigen Muskel dafür bemüht: Amerikanische Studenten verfolgten live übertragene Basketballspiele ihrer College-Mannschaft und füllten anschließend psychologische Fragebögen aus. Nach einem glorreichen Sieg ihres Teams strotzten die Fans nur so vor Selbstbewusstsein. Egal, ob es um körperliche, geistige oder soziale Herausforderungen ging – sie trauten sich so gut wie alles zu. „Angefeuert vom Sieg ihres Teams fühlten sie sich nahezu unbesiegbar“, staunten die Forscher um den Medienpsychologen Dolf Zillmann von der Universität Alabama.

Wer je die Hochstimmung eines Fußballfans vor dem Fernseher miterlebt hat, wird von dem wissenschaftlichen Befund nicht überrascht sein, doch das Ausmaß der Euphorie verblüfft: Hinter dem „High“ des Sportsfreunds steckt offenbar ein Anstieg des Testosteron-Spiegels – von diesem Hormon kreist im Blut des Sesselsportlers genau so viel wie in den Adern des aktiven Kämpfers auf dem Rasen. Umgekehrt drückt die Niederlage seines Favoriten Hormonspiegel und Stimmung des Fans.

Sport beeinflusst sogar die Stimmung ganzer Nationen. Nach dem 4:1-Sieg ihrer Mannschaft über Chile bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 bekundeten deutsche Männer größere Zufriedenheit mit ihrem Leben im Allgemeinen als vor dem siegreichen Spiel.

Selbst Krieg und Frieden erscheinen in einem anderen Licht: Beim Golfkrieg rechneten 1990 die Anhänger einer Football-Mannschaft nach dem verlorenen Spiel mit doppelt so vielen US-Toten wie vor dem Spiel, während die Fans der siegreichen Mannschaft die Zahl der befürchteten Opfer um ein Drittel kürzten.

Sport-Guckern geht es um Gefühle und nicht unbedingt um die edelsten. Zumindest in den USA ist eine Sportart um so beliebter, je brutaler es dabei zugeht. Das gilt besonders für männliche Fans, abgeschwächt aber auch für Frauen. Innerhalb einer Sportart bevorzugten die Fans Spiele mit möglichst vielen Gewaltszenen, etwa knochenbrechenden Angriffen beim Football.

Selbst bei Disziplinen, in denen die Athleten nicht direkt aufeinanderprallen, freuen sich die Zuschauer vor allem am Kampf und pfeifen auf die Artistik: Tennisfans genossen ein Match mehr, wenn der Reporter die Sportler als Erzfeinde darstellte. Dasselbe Spiel wurde weniger goutiert, wenn die Cracks als Freunde tituliert wurden.

Insgesamt lassen die umfangreichen Untersuchungen wenig Zweifel, so Zillmanns nüchternes Resümee, „dass Feindseligkeit und Aggressivität mehr zur Freude am Sport beitragen als die bloße Darbietung außerordentlicher körperlicher Fähigkeiten“.

Nicht nur beim Konsum von Sport dreht sich alles um Emotionen. Die Suche nach angenehmen Gefühlen ist vielleicht der wichtigste Grund für unseren enormen Medienkonsum: 8 Stunden und 22 Minuten täglich gehen dafür drauf, so die Studie „Massenkommunikation 2000″ von ARD und ZDF: 

Fast zweieinhalb Stunden dudelt das Radio – zumeist auf Musiksender eingestellt, die vor allem gute Laune verbreiten wollen. Drei Stunden läuft der Fernseher – „weil ich mich informieren möchte“, wie 92 Prozent der Zuschauer versichern. In Wirklichkeit läuft auch im TV meistens Unterhaltung. Und die dient vor allem der Steuerung eigener Gefühle, getreu Zillmanns „Mood-Management“-Theorie: Gelangweilte Zuschauer zappen sich zu einer aufregenden Sendung durch, gestresste dagegen suchen etwas Beruhigendes – egal, welches Genre. Besonders eindrucksvoll demonstrieren Frauen diesen Effekt: Vor und während ihrer Menstruation meiden sie Problemfilme und bevorzugen witzige Sendungen.

Tatsächlich haben Unterhaltungssendungen beachtliche psychologische Wirkungen. Alte Krankenhauspatienten bitten nach humorvollen TV-Programmen um weniger Schmerzmittel für die Nacht als nach einem ernsthaften Film. Auch im psychologischen Labor ließ sich klar nachweisen, dass Menschen weniger Schmerzen empfinden, wenn sie zuvor mit einem Film in gute Stimmung versetzt wurden.

Sogar wenn es vermeintlich nur um Information geht, spielen Emotionen eine enorme Rolle, wie sich vor allem am Einfluss von dokumentarischen Fotos zeigt. „If it bleeds, it leads“, lautet ein zynischer Medienspruch, doch genau so funktioniert es: Wenn das Blut fließt, schaut der Leser oder Fernsehzuschauer hin.

Zillmanns Gruppe konstruierte zu Forschungszwecken ein eigenes Nachrichtenmagazin à la „Time“, in dem je nach Bedarf die Fotos ausgetauscht werden konnten. So wurde ein Bericht über den Wirtschaftsgipfel in Seattle einmal mit der Nahaufnahme einer blutüberströmten Demonstrantin illustriert, ein zweites Mal mit den unbewegten Mienen zweier am Verhandlungstisch sitzender Unterhändler.

Eine versteckte Videokamera hielt fest, wie lange Versuchspersonen die unterschiedlichen Beiträge betrachteten: Texte mit harmlosen Fotos fesselten die Leser 17 Prozent länger als unbebilderte Berichte, Nachrichten mit bedrohlichen Bildern 32 Prozent länger – sie wirkten fast doppelt so stark.

Zillmann erklärt die Macht der Bilder mit unserem evolutionären Erbe: „Ereignisse, die Emotionen aufwühlen, sind offensichtlich wichtiger und mit Hinsicht auf das Wohlergehen des Individuums eher erinnerungswürdig als nicht weiterbewegende Begleitumstände.“ Wer einen Verletzten sieht, erkennt sofort, dass er selbst in Gefahr schwebt und reagiert alarmiert.

Möglicherweise werden optische Eindrücke sogar in einem eigenständigen Gedächtnis als stilisierte Bilder separat gespeichert. Dies könnte erklären, dass Bilder auch dann noch eine frappierende Wirkung entfalten, wenn die Erinnerung an die Information der Nachricht schon verblasst ist.

Zillmann experimentierte dazu mit einem Fernsehbeitrag, der vor Hautkrebs durch Sonnenbaden warnte. Die Originalversion zeigte ein pfenniggroßes Melanom. Der Psychologe ersetzte diese Einstellungen durch Aufnahmen, bei denen die Krankheit große Teile der Schulter und des Rückens bedeckte. Versuchspersonen zeigten sich nach beiden Versionen gehörig vom Krebsrisiko beeindruckt und gelobten, von nun an mehr Sonnenschutz zu verwenden. Zwei Wochen später erinnerten sich die Zuschauer der optisch harmlosen Fassung kaum mehr an die Gefahren, obwohl der Text die Risiken bis hin zum Tod beschrieben hatte. Die Schockbilder dagegen zeigten erst jetzt ihre volle Wirkung – die so Aufgeklärten hielten die Gesundheitsgefahren für größer und waren sogar noch stärker zur Vorsicht bereit als unmittelbar nach der Vorführung.

Die Nebenwirkungen von gefühlvollen Bildern zeigte eine weitere Zillmann-Untersuchung: Ein Bericht über die Lage der amerikanischen Farmer mit einem absolut ausgewogenen Text stellte drei prosperierenden Bauern drei notleidende gegenüber. Einmal zeigte das Foto zum Bericht einen stolz vor seinem Privatflugzeug posierenden reichen Farmer, das andere Mal einen armen Landmann, der das Heu mit einem Pferdewagen einfuhr.

Unmittelbar nach der Lektüre hatten die Fotos keinerlei auseinanderdriftende Auswirkungen. Alle Teilnehmer der Studie hielten einheitlich 37 Prozent der amerikanischen Bauern für arm. Beim zweiten Test, zehn Tage später, erwies sich alle auf den austarierten Text verwendete Mühe als umsonst.

Nun zeigte das Bild seine überlegene Langzeitwirkung und bestimmte, was die Probanden dachten: Hatten sie den notleidenden Bauern gesehen, hielten sie 44 Prozent der Landwirte für arm. War den Testteilnehmern dagegen der Luxus-Landmann präsentiert worden, glaubten sie an nur 29 Prozent arme Farmer in Amerika. Diese verzögerte Wirkung nennt Zillmann den „Schläfer-Effekt“ .

Auch Text allein kann die Sicht der Wirklichkeit ähnlich verzerren, wenn er im Kopf starke Bilder erzeugt. Das bewiesen zwei Artikel über Auto-Entführungen. In einem gab es brutale Schilderungen, wie ein Opfer aus dem Wagen gestoßen wurde, in der Tür hängenblieb und mitgeschleift wurde, bis der Kopf gegen den Gehsteig krachte. Wer diesen Artikel gelesen hatte, hielt „ carjacking“ für gefährlicher als die Leser der anderen Version mit einer glimpflich verlaufenen Entführung.

Was eine Woche später bei den Konsumenten hängengeblieben war, unterschied sich dank Schläfer-Effekt noch stärker. Dabei enthielten beide Texte korrekte Statistiken zu dem Verbrechen. Sensationsjournalisten können demnach die Einstellungen ihrer Leser ohne Lüge steuern – sie müssen nur die brutalsten Beispiele auswählen.

Fakten zählen wenig, wo Bilder und Emotionen regieren. Bedauerlich für seriöse Schreiber, doch unsere Sensibilität für bedrohliche Bilder und Episoden ist im Gehirn offenbar fest verdrahtet.

Zillmann zu den Folgen: „Das ständige Ausschauhalten nach Bedrohungen und Gefahren führt zwangsläufig zu unangemessenen Ängsten, wenn Medien einseitig Gefahr zeigen.“ bdw-Community LESEN

Autor: Dolf Zillmann, Peter Vorderer (Hrsg.)

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